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ZAA: Ausgabe 01/2009


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Editorial

Der Gartenbau ist ein wichtiges Thema, das in der Agrargeschichtsforschung der vergangenen Jahrzehnte stark vernachlässigt wurde. Eine Besonderheit des Gartenbaus ist gegenüber der übrigen Landwirtschaft die auf die Flächeneinheit bezogene relativ hohe Wertschöpfung. Auch die weitreichende Verflechtung des Gartenbaus mit vielen Phänomenen des kulturellen Lebens ist ein Kennzeichen dieses agrarwirtschaftlichen Bereiches. Dennoch wurde die Gartenbaugeschichte mit Ausnahme der Entwicklung der Gartenkunst lange Zeit wenig betrieben. Insbesondere die Geschichte des Erwerbsgartenbaus, der sich seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert zu einem bedeutenden Wirtschaftszweig entwickelte, wartet noch auf eine systematische Bearbeitung und Darstellung. Im Kontext dieser Forschungslage hat die “Gesellschaft für Agrargeschichte“ (Frankfurt) in Kooperation mit dem “Deutschen Gartenbaumuseum“ (Erfurt) am 13. und 14. Juni 2008 eine zweitägige Tagung zum Thema “Erwerbsgartenbau im Wandel“ durchgeführt, die auf eine große Resonanz stieß. Der Schwerpunkt der Tagung lag zwar auf der Entwicklung des Erwerbsgartenbaus im 19. Jahrhundert, doch wurde auch die Entwicklung vor 1800 berücksichtigt, um eine historische Tiefenschärfe zu gewinnen. In der Zeit des Umbruchs von der vorindustriellen Epoche zur modernen Bürgergesellschaft ergaben sich zahlreiche soziale, wirtschaftliche, politische und kulturelle Veränderungen, von denen der Erwerbsgartenbau außerordentlich profitierte.


Die breite Nachfrage nach Zierpflanzen wurde beispielsweise damals so entwickelt und befördert, dass sie sich bis heute erhalten und konsolidieren konnte. Es ist überhaupt erstaunlich, in welchem Maße Blumen im 19. und 20. Jahrhundert die Gesellschaft durchdringen konnten, so dass sie heute wie selbstverständlich zum Alltag aller Bevölkerungsschichten gehören. Auch der Absatz anderer Produkte des Gartenbaus wie Gemüse, Obst und Baumschulwaren stieg im gleichen Zeitraum stark an. Leider sind überbetriebliche Statistiken zum Verlauf dieser Entwicklung während des 19. Jahrhunderts zumindest für den Bereich der Zierpflanzen nicht verfügbar. Soweit Daten überhaupt vorliegen, sind diese in einer Form aggregiert, dass sie als Belege für die Absatzentwicklung nicht verwendet werden können. So wurden in den staatlichen Statistiken beispielsweise Eichen, Tannen, Rosen, Rebholz, Orchideen und Hyazinthen in einer Rubrik auf der Basis von Doppelzentnern zusammengefasst und mit einem Einheitswert multipliziert. “Eine lustigere Statistik kann es doch wol nicht geben!“ – so urteilte bereits 1886 ein Gärtner in einer Fachzeitschrift über dieses Vorgehen.1 Gärten und der angemessene Umgang mit Natur und Landschaft waren für das Selbstverständnis des landsässigen Adels in der Frühen Neuzeit von existentieller Bedeutung, wie Heike Düselder in ihrem Beitrag verdeutlicht. Der Besitz von Land und die Herrschaft über Land und Leute charakterisierten den Adel und versetzten ihn stärker als andere Bevölkerungsgruppen in die Lage, seine naturräumliche Umgebung zu gestalten. Die Bewirtschaftung des Besitzes, die Einrichtung eines Gartens, aber auch die Nutzung der Natur für die Jagd waren unmittelbar mit der adeligen Lebens-welt und dem Herrschaftsanspruch des Adels verbunden. Das Adelsgut mit seiner natürlichen Umgebung wurde in vielen Gegenden ganz nach dem Willen des Besitzers und den Ansprüchen adeliger Lebensführung gestaltet. Die Gartenanlagen bildeten aber nicht nur die Kulisse des adeligen Hauses, sondern hatten zugleich auch eine wichtige symbolische Funktion. Mit der Berufsgruppe der Gärtner und den Organisationsformen einer städtischen Gärtnerzunft beschäftigt sich Marina Scheinost am Beispiel der Bamberger Gärtnerzunft. Die Gärtner prägten mit ihrer Zunft, die seit dem Spätmittelalter belegt ist, das kulturelle Leben, die Wirtschaft und das Bild der Stadt Bamberg. Die über Jahrhunderte gewachsene Struktur eines eigenen Viertels war ein wichtiger Grund für die Ernennung Bambergs zur Welterbestadt im Jahre 1993.


Mit der Struktur und Problematik des Erwerbsgartenbaus im 19. und 20. Jahrhundert befassen sich die nachfolgenden vier Aufsätze. Harald Bischoff untersucht prinzipiell die Nachfrage nach Zierpflanzen und stellt die Frage, welche Faktoren den steilen Anstieg der Nachfrage nach Zierpflanzen im 19. Jahrhundert verursachten. Seine Analyse bezieht sich vornehmlich auf Deutschland, berücksichtigt aber auch verschiedene Einflüsse aus dem Ausland. Joachim Schaier untersucht exemplarisch die Erfurter Großgärtnerei J. C. Schmidt, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert eine herausragende Bedeutung für die Entwicklung des Erwerbsgartenbaus in Deutschland hatte. Mit der Ausbildung der Gärtner und ihrer Bedeutung für die Entwicklung des deutschen Gartenbaus seit dem 19. Jahrhundert befasst sich der Aufsatz von Eberhard Czekalla, dem ehemaligen Leiter der LVG Erfurt. Peter E. Fäßler lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die Umweltkonflikte, die im Zuge der Industrialisierung und zunehmenden Umweltbelastung für den Gartenbau entstanden, und verdeutlicht dies am Beispiel von Lichtenberg an der östlichen Peripherie der Großstadt Berlin. Im “Lichtenberger Rosenkrieg“ spiegeln sich im frühen 20. Jahrhundert die typischen Interessenkonflikte einer urbanen Transformationsgesellschaft, die den Ausbau der Industrie auf Kosten der Umwelt und kleiner Gartenbaubetriebe vorantrieb. Die Aufsätze dieses Heftes, die weitgehend auf den ausgearbeiteten Vorträgen der Erfurter Tagung basieren, sollen insgesamt zu weiteren Forschungen zur Geschichte des Gartenbaus anregen und Wege zur engeren Zusammenarbeit von Agrarhistorikern und Gartenbauspezialisten aufzeigen. Für das Gelingen der Tagung geht ein Dank an das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz für dessen finanzielle Unterstützung, ferner an die Lehr- und Versuchsanstalt Gartenbau Erfurt, in deren Räume die Tagung durchgeführt werden konnte.

Harald Bischoff, Werner Rösener





Inhaltsverzeichnis

57. Jahrgang, 01/2009 - April 2009

 
Editorial S. 8-9

Heike Düselder: “Von den angenehmen ländlichen Beschäftigungen.“ Die Bedeutung der Gärten des Adels für Gartenkultur und Wirtschaft S. 10-26
 
Marina Scheinost: Die Bamberger Gärtner. Innen- und Außensicht einer städtischen Berufsgruppe S. 27-42
 
Harald Bischoff: Faktoren der Nachfrage nach Zierpflanzen S. 43-57

Joachim Schaier: Die Erfurter Großgärtnerei J. C. Schmidt im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts S. 58-75

Eberhard Czekalla: Gärtnerische Aus-, Fort- und Weiterbildung und ihre Bedeutung für die Entwicklung des deutschen Gartenbaus seit dem 19. Jahrhundert S. 76-89

Peter E. Fäßler: Kein Platz für Gärtner? Umweltkonflikt und sozioökonomische Segregation während der Industrialisierung am Beispiel Lichtenbergs S. 90-104
 
Abstracts: S 105- 107
 
FORUM
Dietrich Rieger: Bericht über die Fachtagung und Mitgliederversammlung der Gesellschaft für Agrargeschichte e. V. (GfA) am 13. und 14. Juni 2008 in Erfurt
S. 108-110

 
Johannes Bracht / Stefan Brakensiek: Bericht über die Sommertagung und die Mitgliederversammlung des Arbeitskreises für Agrargeschichte (AKA) am 27. Juni 2008 S. 111-112


REZENSIONEN S.113-140
 






Abstracts


Heike Düselder: “Von den angenehmen ländlichen Beschäftigungen.“ Die Bedeutung der Gärten des Adels für Gartenkultur und Wirtschaft

The paper analyses the gardens of the nobles and their impact on culture landscape and economy in north-western Germany during the 17th and 18th century. The architecture of the gardens symbolized the power of the noble landowners over their estates. Interest in botany was common practice among the nobility und was demonstrated by a substantial variety of plants and trees in their ornamental gardens as well a wide range of different plants, fruit-trees and herbs in their kitchen-gardens. The nobles employed gardeners who considered themselves as artists. In contrast to ordinary gardeners they were trained in both, architecture and tending of ornamental plants, and in cultivating fruit and vegetable. The gardeners played an important role for the distribution of garden culture which was further enhanced by their informal marketing of the plants. Eventually, it is only because they sold fruits and vegetables from the gardens of the nobles that the cultivation of these plants spread among the rural population.

 

 

Marina Scheinost: Bambergs vegetable gardeners. Views onto a municipal community

This article is about the Bamberg vegetable gardeners. It offers some points of argumentation in showing some special traits of a profession which still are of relevance even nowadays. From the 16th to the 19th centuries the vegetable gardeners had been an important economic factor for the town of Bamberg. Since 1993 they, too, have become a part of the world heritage, geographically. And therefore they have also become of common interest again. In the past their public perception was based on their organisation as a guild, later as a society of trade and finally as a society of vegetable gardeners. Especially their role within the two Corpus Christi processions at Bamberg displays the gardeners’ self-confidence as a special group of profession. This evidence can be found in archival records. Even today the Bamberg gardeners influence these processions by their specific appearance. Finally the article deals with the Slavic connection or roots of the Bamberg gardeners. Especially in the 19th and the beginning 20th century these were discussed intensely.

 

 

Harald Bischoff: Factors in the demand for ornamental plants

Within a short time, from the end of the 18th until the end of the 19th century in Germany, the image of ornamental plants changed from an exclusive status symbol of the social elite to an omnipresent object of visual culture, both in apartments as well as in public spaces. This change was closely related to the social upheaval of that time and took place in the cities rather than in the countryside. An important factor at that time was the emerging bourgeoisie. This group was orientated on the principles of the Enlightenment and also dedicated to the garden culture. The bourgeois lifestyle was an example for other sections of the population to follow and led to a widespread interest in dealing with plants and also in the decoration of the homes with plants. The development of the Club system is seen as an important outcome of the bourgeois culture and this too promoted the demand for ornamental plants. The same is true for the strong growth of the urban population in the 19th century and the industrialization by gradually rising prosperity of the people. The introduction of new inventions such as the railway but also improved production techniques in horticultural enterprises and the enhanced efficiency of the horticulture industry have led to falling prices in the ornamental market. These factors allowed more people to buy ornamental plants. By importing flowers from warmer growing areas and the introduction of flower forcing in the winter season an all-year demand for ornamental plants was established.

 

 

Joachim Schaier The Erfurt-based market garden J. C. Schmidt in the 19th and early 20th century

The growing demand from broadened sections of the population for flowers and vegetables in the 19th century occurred in horticulture centres in several regions across Germany. The city of Erfurt was no exception. There, a number of small and large horticultural enterprises were founded. They produced and sold nursery trees, vegetables and seeds alongside flowers of every description. The Erfurt-based market garden J. C. Schmidt, also known as “Blumenschmidt”, was one of the biggest and well-known horticultural businesses. It evolved from a factory for wax goods in 1829, and in the 1860s the family business became an internationally active manufacturer of garden produce. After 100 years of independent trading, J. C. Schmidt was taken over by the Erfurt-based horticultural business Ernst Benary following the global economic crisis of 1929. The world-famous company name remained. The increasing professionalism of administration personnel, the development of the plant and business areas, as well as the initiation and improvement of particular general conditions in the postal system led to the success of the horticultural farm. J. C. Schmidt utilised the further developments in the means of public communication (marketing) available at the time to maintain its leading position.

 

 

Eberhard Czekalla: Vocational training and further vocational training in horticulture and their significance for the development of the horticultural industry in Germany since the 19th century

Already in the 13th century vocational training in horticulture had developed. In the 18th century Christian Reichart, inhabitant of Erfurt, drew up requirements for horticultural trainees and their teachers, which are still valid. But it took until the first third of the 20th century before principles for vocational training in horticulture in the dual system were prescribed by law and conditions for an effective vocational training were created. From the middle of the 19th century further educational institutions for horticulture and horticulture courses were established. They had a demonstrable impact on the emergence of a powerful horticultural economy. Despite different political systems in divided Germany after the 2nd World War, the technical content of training and further training in horticulture as well as in academic education were comparable until 1990. Since the collapse of the GDR in 1990, both German states have the same statutory provisions for vocational training and further training in horticulture as well as in horticultural courses of studies. The horticultural industry in Germany sees its own development associated with the development of horticultural training and therefore supports it.

 

 

Peter E. Fäßler: No place for gardeners? Environmental conflicts and socio-economic segregation during the industrialization in Lichtenberg (Prussia)

While industrialization was going forward, public goods like „clear water“ and „clear air“ became increasingly scarce, especially in areas of high population density. More and more factories caused the so-called „Rauchplage“, which means people fell sick and farmers or gardeners got into economic trouble. This paper presents a case study about an environmental conflict between the global player Gesco (Gebr. Siemens & Co.) and a few local heroes (small gardeners) in Lichtenberg, East of Berlin. It shows the different conflict management of the unequal anti-marketeers, the importance of social norms, financial ressources, and knowledge in law. So this case study depicts not only an impressive example for environmental conflicts in a transformating society. It shows also the mechanism of social and economic segregation in an urban area.